Deutsche Weltcup-Premiere im Skibergsteigen

München – In den Nachrichten tauchen Skibergsteiger meist als Lawinenopfer auf – tot oder verschüttet. Unter Uneingeweihten gilt winterliches Bergsteigen als lebensgefährliche Harakiri-Unternehmung.

Nun will die Weltspitze der Skibergsteiger in Berchtesgaden beim ersten Weltcup auf deutschem Boden beweisen, dass es sich bei ihrem Sport keineswegs um Nervenkitzel für Lebensmüde handelt.

«Das sind nicht die Verrückten, die Narrischen, die den Berg hinaufrennen», sagt Bundestrainer Thomas Bösl vor dem Wettkampf vom 7. bis 9. Februar. Die Disziplin hat Chancen, ihr Randdasein in der öffentlichen Wahrnehmung hinter sich zu lassen. 2026 könnte «Skimo» – die Abkürzung für «Ski Mountaineering» – sogar olympisch werden. Bei den Olympischen Jugendspielen stand die Sportart jüngst auf dem Programm und begeisterte. 2022 wird entschieden, ob Skimo auch zu den richtigen Winterspielen vier Jahre später in Italien zugelassen wird.

Der Berchtesgadener Weltcup ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Die Athleten treten beim «Jennerstier» an, einem seit 15 Jahren ausgetragenen Wettkampf, an dem sowohl Breiten- als auch Spitzensportler teilnehmen können. Deutsche Meisterschaften gab es dort schon, einen Weltcup aber noch nie. «Endlich mal ein Weltcup zu Hause, das ist schon etwas anderes», meint Bundestrainer Bösl.

Der Jenner ist ein knapp 2000 Meter hoher Gipfel mit kleinem Skigebiet in unmittelbarer Nachbarschaft des Königssees. «Stier» heißt die Veranstaltung, weil die Teilnahme an Skitourenrennen große Kräfte verlangt, allerdings keineswegs auf Männer beschränkt. Es starten auch Damen. Damit das Publikum etwas von dem Wettkampf hat, wird ein Zuschauerbereich auf dem Berg eingerichtet, von dem aus das gesamte Rennen quasi aus der Vogelperspektive zu sehen ist. Der Deutsche Alpenverein (DAV) überträgt per Livestream im Internet.

Skibergsteigen ist keine modische Neuerung. Bis in die Fünfzigerjahre bedeutete Skifahren ohnehin in aller Regel Bergsteigen, weil Lifte und Gondeln noch nicht weit verbreitet waren. Bei den Skirennen der Frühzeit mussten die Sportler grundsätzlich zuerst den Berg mit Muskelkraft erklimmen. In den Alpenländern ist Skitourengehen ohne Zeitnahme traditioneller Breitensport, der sich seit einigen Jahren wieder zunehmender Beliebtheit erfreut.

Für den Aufstieg werden Felle auf die Unterseite der Ski geklebt, die das Abrutschen verhindern. Vor der Abfahrt werden die Felle wieder abgenommen. Das Tempo beim Fellwechsel kann über Sieg oder Niederlage entscheiden und wird daher eigens trainiert – im Sommer.

Als Wettkampf ausgetragen ähnelt Skibergsteigen einem Langlaufrennen, wenn auch mit sehr viel mehr Höhenmetern. Es zählen sowohl Aufstiegs- als auch Abfahrtszeit. Abgefahren wird nicht auf präparierten Pisten oder Loipen, sondern im freien Gelände. Es gibt mehrere Unterdisziplinen, beim «Jennerstier» stehen drei davon auf dem Programm: Sprint, Vertical und Individual.

Individual hat die größte Ähnlichkeit mit einer traditionellen Skitour: eine Abfolge von mindestens drei Aufstiegen beziehungsweise Abfahrten in Kombination mit Tragepassagen. Beim Vertical-Rennen gibt es keine Abfahrt, es zählt nur der Aufstieg.

Gemessen an den Zeiten von Freizeitsportlern ist die Weltspitze unfassbar schnell. Beim Individual-Rennen müssen die Sportler knapp 1700 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. «Wir rechnen mit einer Siegerzeit von 1:30, 1:40 Stunden», sagt der Sportliche Leiter Hermann Gruber vom DAV. Zum Vergleich: Ein Breitensportler rechnet je nach Fitness üblicherweise mit einer Faustformel von einer Stunde Aufstiegszeit pro 300 bis 400 Höhenmeter.

Dominiert wird der Sport derzeit von den Italienern. International bester Deutscher ist der Berchtesgadener Lokalmatador Toni Palzer (26), der in der vorigen Saison Zweiter im Gesamtweltcup war. Beim Jennerstier will er mehr: «Der Palzer Toni ist ganz motiviert, in seiner Heimat aufs Podest hinaufzulaufen», sagt Bundestrainer Bösl.

Fotocredits: Balz Weber
(dpa)

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