Gefährlicher Wintersport abseits der Piste

Davos – Unvergessliche Touren fern von überfüllten Pisten erleben: So stellen sich viele Skifahrer und Snowboarder die Freiheit vor. Das sogenannte Freeriden, also das Abfahren ohne präparierte Pisten, ist beliebt.

Genau wie Skitouren, deren Teilnehmer erst den Berg hinaufstapfen und dann wieder herunterfahren – ebenfalls ohne dabei vorgegebene Wege zu nutzen. Aber wer einen Berg abseits des Skigebiets erleben will, ist oft auch seinen Launen ausgeliefert.

«Wir wundern uns oft, wie gefährlich Leute im Gelände unterwegs sind», sagt Michael Lentrodt, Präsident des Verbandes deutscher Berg- & Skiführer. Das Problem dabei ist: «Man weiß nie, wie knapp man eigentlich an der Katastrophe dran war. Skifahrer, die unbedarft Abfahrten machen, bekommen jedes Mal das Feedback: Alles ist gutgegangen.» Dabei haben die Fahrer unter Umständen alles falsch gemacht und hatten einfach nur Glück.

Abfahrt ohne Piste: Das sogenannte Freeriden ist für viele Wintersportler besonders attraktiv - aber auch gefährlich. Foto: Florian Sanktjohanser

Abfahrt ohne Piste: Das sogenannte Freeriden ist für viele Wintersportler besonders attraktiv – aber auch gefährlich. Foto: Florian Sanktjohanser

Sind Schneesportler außerhalb der abgesicherten Pisten unterwegs, können sie verunglücken, von abgehenden Lawinen erfasst werden oder diese selbst auslösen. Damit das Risiko überschaubar bleibt, müssen sie neben einer guten Skitechnik im Gelände viel Fachwissen und weitere praktische Fähigkeiten mitbringen. «Fundierte Kenntnisse in der Beurteilung der Schnee- und Lawinensituation, die Fähigkeit sich laufend orientieren und seine Routenwahl den aktuellen Verhältnissen anpassen zu können, sowie eine umfassende Erfahrung im praktischen Risikomanagement sind Grundvoraussetzungen», so Wolfgang Pohl, Präsident des Deutschen Skilehrerverbandes.

Eine gute Vorbereitung beginnt mit der richtigen Ausrüstung. Auch beim Freeriden sind Tourenbindung und Aufstiegsfelle obligatorisch, um im Notfall wieder aufsteigen zu können. Die Mindestnotfallausrüstung besteht aus Lawinenverschüttungsgerät (LVS-Gerät), Schaufel, Sonde, Biwaksack und Erste-Hilfe-Set sowie Handy. Ein Lawinenairbag ist eine freiwillige, aber sinnvolle Zusatzausrüstung.

Lentrodt bildet seit zwanzig Jahren Ski- und Bergführer aus. Wenn er eine Tour plant, gibt es ein standardisiertes Vorgehen: Zu Beginn liest er den aktuellen Lawinenlagebericht. Als Quelle aktueller Warnungen und Infos empfiehlt das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF die Webseite
www.avalanches.org: Hier sind die Internetseiten der Lawinenwarndienste aller europäischen Länder zu finden.

Der Bericht bezieht sich allerdings auf eine gesamte Region. Daher überprüfen Profis die Lage vor Ort immer noch einmal. Je nach lokalen Gegebenheiten wie dem Schneefall, dem Wind, der Hanglage und der Größe des Skigebiets kann das Lawinenrisiko auch deutlich größer sein. Aus diesen Informationen erstellen Ski- und Bergführer wie Michael Lentrodt ein Szenario für die Tour.

Teil davon ist auch die Wahl strategischer Punkte, an denen Lentrodt die Gegebenheiten noch einmal durchcheckt. Ist der Hang wirklich 30 Grad steil? Wird kein Schnee in den Hang geblasen? Gibt es weniger Neuschnee als gedacht? Und wie ist die Sicht? Denn manchmal sind Geländeformen und Windzeichen durch eine dünne Schneeschicht zugedeckt.

Für Skitouren und Freeriden benötigen Schneesportler also eine sehr gute Ausbildung und viel Erfahrung im Gelände. Wer außerhalb gekennzeichneter Pisten unterwegs sein will, kann daher Kurse absolvieren. Bergschulen oder staatlich geprüfte Berg- und Skiführer bieten diese an. Hier lernen angehende Freerider zum Beispiel, den Lawinenlagebericht zu lesen, Risiken einzuschätzen, die Ausrüstung zu bedienen und im Gelände kluge Entscheidungen zu treffen.

Zur Wahl stehen zweitägige Wochenend- und intensivere Wochenkurse. Dort verbringen die Skifahrer und Snowboarder unter Anleitung eine Woche bei Skitouren und Freeride-Ausflügen. Solche Kurse vermitteln ein gutes Basiswissen, urteilt Lentrodt. Teilnehmer seien danach aber noch weit davon entfernt, Gefahren alleine treffsicher einschätzen zu können – zu komplex sind Risikomanagement und Lawinenkunde.

Fotocredits: Sven Hoppe,Florian Sanktjohanser,Florian Sanktjohanser
(dpa/tmn)

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